Bildhauer Heinz Spilker: Ein Elverdisser in Berlin

Eigent­lich ist es ganz ein­fach: Aus­bil­dung als Tisch­ler und Stein­metz, Stu­di­um der Kunst und Bild­haue­rei, Bun­des­ver­dienst­kreuz. – Ganz ein­fach? Im Rück­blick kann man 98 Jah­re so zusam­men­fas­sen, aber ganz ein­fach war es bestimmt nicht. Im Gegen­teil: wenn ein jun­ger Mann aus Elver­dis­sen als Tisch­ler und Stein­metz Anfang der 1950er-Jah­re mit nichts als ein paar Mark nach Ber­lin ging zum Stu­di­um, dann haben die meis­ten Elver­dis­ser nur mit dem Kopf geschüt­telt über sol­che Plä­ne – und waren sicher, so wie die Eltern: „Der kommt bald wie­der!“ – so etwas kann nicht gut gehen.

Bei unse­rem Besuch am 13. Janu­ar 2025 sag­te Heinz Spil­ker sel­ber: Er kann es sich heu­te auch nicht mehr vor­stel­len, dass er so eine ver­rück­te Idee hat­te, in Ber­lin an der Hoch­schu­le für Bil­den­de Küns­te zu stu­die­ren. Aber es ging – natür­lich nur mit Arbei­ten als Stein­metz und bei der Post, teil­wei­se nachts, zum Geldverdienen.

Neben der Theo­rie an der Hoch­schu­le waren die prak­ti­schen Übun­gen dort ganz wich­tig. Die setz­te Heinz oft nach­her noch im Ber­li­ner Zoo oder Aqua­ri­um fort, auch weil die Stu­den­ten dort frei­en Ein­tritt hat­ten. Das war für ihn die Gele­gen­heit, sei­ne Fähig­kei­ten zu ver­voll­komm­nen, denn sei­ne Welt war eben nicht die moder­ne abs­trak­te Kunst, die über­all im Trend lag, son­dern der Moder­ne Rea­lis­mus. Und das hieß für ihn: nicht nur Tie­re und Men­schen natu­ra­lis­tisch in Gips oder Ton zu for­men und dann in einer Gie­ße­rei zu einem Bron­ze­guss machen zu las­sen, son­dern vor allem auch, eine typi­sche Hal­tung wie­der­zu­ge­ben, die Dyna­mik eines Gehen­den oder die Ruhe einer wie­der­käu­en­den Anti­lo­pe, oder Cha­rak­ter­zü­ge eines Men­schen, wie Hei­ter­keit, Gelas­sen­heit oder Strenge.

Und es bewahr­hei­tet sich natür­lich der alte Spruch, dass hin­ter jedem erfolg­rei­chen Mann eine star­ke Frau steht: Heinz Spil­kers Frau Bea­trix hat ihm nicht nur durch ihre Fami­li­en­ar­beit mit Sohn und Toch­ter „den Rücken frei­ge­hal­ten“, son­dern auch vie­le Kon­tak­te geknüpft, aus denen sich Auf­trags­ar­bei­ten erga­ben. Dadurch ging es nach den Auf­trags­ar­bei­ten der Ber­li­ner Künst­ler­för­de­rung – z.B. Por­traits von berühm­ten Per­sön­lich­kei­ten aus Wis­sen­schaft, Poli­tik und Kul­tur – auch wirt­schaft­lich für Heinz Spil­ker bergauf.

Bei­spie­le für bedeu­ten­de Wer­ke von Heinz Spilker:

  • Altar­ge­stal­tung und Kru­zi­fix in der Hei­lands­kir­che in Berlin-Moabit
  • Fla­min­go-Grup­pe in Wil­mers­dorf (eine Fla­min­go-Grup­pe im Innen­hof der Her­for­der Stadt­bi­blio­thek wur­de in den 90er-Jah­ren gestohlen)
  • Por­traits und Reli­ef­ta­feln im Senat von Berlin
  • Por­traits in der Deut­schen Oper, im Ber­li­ner Muse­um, im Ber­li­ner Zoo, im Reichs­tag, in den Rat­häu­sern in Ber­lin-Schö­ne­berg und Berlin-Reinickendorf,
  • Brun­nen-Neu­ge­stal­tung am Bar­ba­ros­sa-Platz und Südwestkorso
  • Por­trait in der Vete­ri­när­me­di­zi­ni­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Leipzig
  • Akt­plas­ti­ken im Muse­um Schloss Nörvenich
  • Pfer­de­plas­tik in der Tier­gar­ten­ver­ei­ni­gung Neumünster
  • Han­se-Brun­nen in Herford
  • …und vie­les mehr, z.B. Por­trait­ar­bei­ten und Gedenk­ta­feln in Bron­ze – von Poli­ti­kern wie Phil­ipp Schei­de­mann und ande­ren über Wis­sen­schaft­ler wie den Medi­zin­no­bel­preis­trä­ger Otto War­burg bis hin zu Künst­lern wie Hein­rich von Kleist oder Mar­le­ne Diet­rich. 

Schon 1958 hat Heinz Spil­ker ein Mahn­mal für den Elver­dis­ser Fried­hof geschaf­fen: kein abs­trak­tes Denk­mal, schon gar nicht ein tra­di­tio­nel­les hel­den­haf­tes Krie­ger­denk­mal, son­dern die „Trau­ern­de Mut­ter“. Denn der Ein­satz für den Frie­den ist eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit, die erwächst aus der Trau­er um die vie­len Söh­ne, Ehe­män­ner und Freun­de, die in den Welt­krie­gen für irr­sin­ni­ge Idea­le und Zie­le in den Krieg geschickt wur­den und trau­ern­de Müt­ter, Ehe­frau­en, Ver­lob­te und Freun­din­nen zurück­lie­ßen. Die Müt­ter, und die Frau­en über­haupt, sind die­je­ni­gen, die in den Krie­gen und danach Las­ten zu tra­gen hat­ten, die nur sel­ten gewür­digt werden.

Aus die­sen Grün­den hat Heinz Spil­ker sei­ne Mut­ter Johan­ne als Vor­bild gewählt: sie hat zwei Brü­der ver­lo­ren, die Heinz natür­lich auch kann­te und moch­te, ihr Ehe­mann Erich war als Sol­dat ein­ge­zo­gen und spä­ter in Gefan­gen­schaft – und so muss­te Johan­ne sich selbst und die drei her­an­wach­sen­den Söh­nen Heinz, Hel­mut und Her­bert mit einer klei­nen – von Fami­lie Dall­mann gepach­te­ten – Land­wirt­schaft durch­brin­gen. Aus Hoch­ach­tung vor sei­ner Mut­ter hat Heinz das Mahn­mal also „Trau­ern­de Mut­ter“ genannt.

Auf Anre­gung des CVJM Elver­dis­sen wur­de der Ver­ein Unser Elver­dis­sen e.V. Ende 2024 aktiv und hat mit der Hil­fe der Lokal­po­li­ti­ker/-innen die Stadt Her­ford zur Restau­rie­rung des Mahn­mals bewo­gen. Am Volks­trau­er­tag 2025 gab es auf dem Elver­dis­ser Fried­hof anläss­lich der Restau­rie­rung eine Fei­er­stun­de mit Kranz­nie­der­le­gung am Mahn­mal. Wir konn­ten uns wie­der auf das besin­nen, was 1958 Heinz Spil­ker und alle in Elver­dis­sen auf dem Her­zen hat­ten und was auf dem Sockel der Trau­ern­den Mut­ter ein­ge­mei­ßelt ist:

DEN TOTEN ZUM GEDÄCHTNISDEN LEBENDEN ZUR WARNUNGZUKÜNFTIGEN GESCHLECHTERN ZUR EWIGEN MAHNUNG

Ich habe Heinz Spil­ker einen Stick mit dem Video von der Fei­er­stun­de nach Ber­lin gebracht. Es war ihm eine gro­ße Freu­de – nicht nur, weil sein Mahn­mal restau­riert wur­de, son­dern auch, weil der Kon­takt nach Elver­dis­sen in den letz­ten andert­halb Jah­ren so inten­siv wurde.

Jetzt ist Heinz Spil­ker gestor­ben. Unser Elver­dis­sen e.V. hat eine Scha­le mit Schlei­fe und Gruß aus Elver­dis­sen zur Beer­di­gung nach Ber­lin-Niko­las­see geschickt. Die Hin­ter­blie­be­nen – sei­ne Ehe­frau und sei­ne Toch­ter – wol­len das Ate­lier und die Woh­nung vor­läu­fig so belas­sen, wie Heinz alles geord­net hat­te: wie ein Muse­um vol­ler Zeich­nun­gen und Gips­mo­del­le für die Bron­ze­plas­ti­ken, die er in sei­nem lan­gen Leben geschaf­fen hat. Ein Modell von unse­rer „Trau­ern­den Mut­ter“ ist natür­lich auch dabei, ein Stück Elver­dis­sen in Berlin-Nikolassee.

Hans-Ulrich Brün­ger

Quel­len:
Per­sön­li­che Gesprä­che bei Besu­chen in Ber­lin-Niko­las­see im Janu­ar und Dezem­ber 2025, vor­he­ri­ge und spä­te­re Tele­fon­ge­sprä­che und Mails mit Heinz Spil­ker, Bücher von Dr. Die­ter Bie­wald und Dr. Rudolf Pfef­fer­korn über Heinz Spil­ker, www​.wiki​pe​dia​.de