Volles Haus und ausgelassene Stimmung

Lesungen und Vernissage bei Bach in Elverdissen am 18.10.2018 – Kultur im Dialog

 

Autorin: Claudia Schuttkästing „Dumm gelaufen“

Autorin: Rita Weber „Geschichten aus Elverdissen“

Autor: Udo Fröhlich „Drauf geschissen“

(alle Bücher sind im Hober-Verlag erschienen)

 

Musik: Simon Vollmer, Gitarre

Vernissage: Lydia Pudel „Flow“

weitere Bilder: Doris Dümpe, Claudia Bach, Liane Przybilla

(alle Künstlerinnen Mitglieder im Künstlerforum Herford e.V.)

 

 

So viel Besuch hatten die Gastgeber Claudia und Friedhelm Bach wohl nicht erwartet. Schon weit vor Beginn um 19 Uhr war schon jeder Sitzplatz belegt und die noch eintreffenden Besucher mussten mit einem Stehplatz Vorlieb nehmen. Es waren wohl an die einhundert Kulturfreunde gekommen.

Zu den drei Autorenlesungen kam noch die Vernissage von Lydia Pudel mit ihren Bildern hinzu. Die musikalische Untermalung übernahm der Gitarrist Simon Vollmer.

 

Claudia Schuttkästing aus Bad Salzuflen las aus ihrem Buch „Dumm gelaufen“ morbide, spannende und humorvolle Begebenheiten. Sie verfasst Kurzgeschichten und Erzählungen und verarbeitet dabei ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse aus ihrem Umfeld als Krankenschwester.

Sie erzählt eindrucksvoll und unterhaltsam eine Geschichte um einen bettlägerigen wohlhabenden Mann und dessen Gedankenwelt sowie einem weiteren älteren Herrn, nicht mehr ganz im Besitz der geistigen Kräfte. Es geschieht letztendlich das Unglaubliche. Sicherlich reichlich überzogen und morbide, wie es in der Realität bestimmt nicht so geschehen würde – hoffentlich.

 

So erzählt sie von den Schwestern Gitta und Chantal, die den wenig liebenswerten Herrn Meinolf Siegert zu pflegen haben. Dieser hat eine bewegte, nicht gerade moralisch rühmliche Vergangenheit hinter sich, zu der Geldprellerei, Mietwucher und Betrug ebenso gehörten wie die käuflichen Damen vom Escort-Service. Jetzt, da er so viel Geld hatte, konnte er es nicht mehr wie gewünscht nutzen und ausgeben, sondern war auf die Hilfe der Schwestern angewiesen. Der Grund war, dass ihm beim wiederholten nächtlichen Diebstahl von Mulch von einem Friedhofsgelände von zwei Dobermännern schlimme Bisswunden zugefügt worden waren. Und eine Anzeige vom Küster wegen Mulchdiebstahls hatte er nun auch am Hals. Einigermassen im Krankenhaus zusammengeflickt, konnte er aber nicht mehr nach Hause zurück, sondern war auf Hilfe im Heim angewiesen. Zum Glück hatte er ja seinen Anwalt und Freund Franz, der sich um alles kümmerte. Franz sollte alles bis zur restlosen Genesung organisieren. Doch es sollte ganz anders kommen.

Gitta und Chantal, seine Pflegerinnen im Heim sind nicht gerade zimperlich, die Abführzäpfchen und Katheter einzuführen und die Windeln zu wechseln. Das geht bei dem unangenehmen Herrn auch schon mal ohne Gleit- und Pflegecreme, wohl wissend um sein Vorleben. Meinolf Siegert fühlte sich trotz Geld und anders lautendem Vermächtnis in diesem Zweibettzimmer um sein restliches Leben betrogen. Neben ihm dieser unsägliche ungepflegte, restalkoholisierte Bettnachbar namens Klopstock, der jeglichen pfleglichen Wasserkontakt mied. Etliche kleine Boshaftigkeiten musste er über sich ergehen lassen, denn er war ja hilflos und verstümmelt. So blieb ihm nichts weiter als von netten Nachtschwestern wenigstens zu träumen. Zum bitteren Ende kommt noch sein Bettnachbar, Herr Klopstock, ins Spiel. Dieser war schwer dement, übte aber dienstgemäß – er war früher Werkstattleiter bei Rolls Royce – seinen Beruf mit allerlei Tätigkeiten am lebenden Objekt, das er mit Autos verwechselte, aus. So füllte er mit seiner kleiner Gießkanne „Frostschutz“ in die Wasserverdunster an der Heizung und sah auch gern nach komischen Laufgeräuschen bei seinem Bettnachbarn. Er schraubte den Filter von der Trachealkanüle am Hals des Herrn Siegerts ab und befüllte diese mit dem Wasser aus seiner Gießkanne…..

Der Schluss der Geschichte, der hier in diesem Text so kurz beschrieben wurde, ist im Buch „Dumm gelaufen“ von Claudia Schuttkästing ein längere Abfolge von makabren, zueinander passenden „werkstattgemäßen“ Tätigkeiten des Herrn Klopstock bis zum fatalen Ende des Herr Siegert, was die Spannung bis zur Zerreißprobe wachsen ließ.

Claudia Schuttkästing hat die Zuhörer mitgerissen.

Rita Weber aus Herford-Elverdissen übernahm den zweiten Part. Sie ist den Gästen schon von der ersten Lesung, z.B. Mördersonne, bekannt. Auch sie hatte einen amüsanten Text mit dem Titel „Dorfkind“ mitgebracht, der die Zuschauer zum interessierten Zuhören und Lachen brachte, besonders die ortskundigen Elverdisser.

Kann es sein, dass Erinnerungen an Kindheitstage oft total verschwommen sind?“ So beginnt die Geschichte. Sie erzählt von ihrer Kindheit, dem aufstrebenden Ort Elverdissen, ihren Eltern – ihr Vater war Mitglied im Gemeinderat – und dass der Wohnraum knapp war. Sie erinnert sich gern an diese überwiegend angenehme Zeit. Die Familie wohnte zusammen mit den Großeltern väterlicherseits, der Tante, der Schwester des Vaters, und dem dreizehn Jahre älteren Cousin in einem heute recht klein anmutenden Haus an einem winzigen, überschaubaren Park. Ihre Mutter jedenfalls sei glücklich gewesen, so komfortabel wohnen zu können. Heute würde sie noch oft sagen, dass dieses Haus für sie ihr Leben sei und dass sie niemals woanders wohnen möchte.

Die Eltern hatten Freunde, die auch Kinder hatten, die geringfügig jünger oder älter waren als die Autorin. Wenn Onkel Paul, seine Frau, die kleine, dicke Tante Inge und Sohn Wolfgang, von allen anderen Kindern nur „Gagang“ genannt, weil er als Kleinkind den Namen Wolfgang nicht aussprechen konnte und sich selbst auch Gagang nannte, jeden Abend zu Besuch kamen, weil es einen Fernseher gab, brach jeden Abend bei den Eltern eine unterschwellige Panik aus. Bitte nicht schon wieder. Die Eltern hätten sich doch eigentlich an die allabendlichen Fernsehbesuche der Freunde gewöhnen können, aber irgendwie wollte das nicht klappen. Dann kam endlich, endlich das Testbild, der neue Tag war noch jung, die Freunde gingen von dannen und die Eltern konnten auch schlafen gehen. Irgendwann war es aber dann doch soweit. Der Tag, an dem auch im Freundeshaushalt ein Fernsehgerät Einzug hielt war endlich gekommen. Die Eltern waren mit einem Mal total entspannt und viel ausgeglichener. Eine schwere Zeit war zum Glück zu Ende gegangen.

Gerhard, der potentielle Erbe des Gasthofes Ehringer, von allen nur Gerdi genannt, außer von seiner Mutter, die sagte liebevoll Gerdimann zu ihm, war ein pfiffiges, kleines Kerlchen und der Autorin besonders in Erinnerung geblieben. Eine Begebenheit mit Gerdi beschreibt Rita Weber mit viel Humor. Gerdi war wieder einmal Schlafgast bei der Tante, als Rita Weber zufällig ins Schlafzimmer kam und er sich gerade in diesem Moment mit nacktem Po bückte, um irgendetwas vom Fußboden aufzuheben. Sie sah ihn und seinen „kleinen Freund“ von hinten, wusste aber überhaupt nichts mit der jungenhaften Anatomie anzufangen und fragte ganz naiv: „Gerdi, was hast du denn da hinten hängen?“ Und Gerdi drehte sich um seine eigene Achse, war total aufgeregt und fragte immer wieder: „Wo denn, wo denn, wo denn?“ Die Kinder – Rita und Gerdi – nicht die geringste Ahnung, warum Mutter und Tante laut lachend im Türrahmen standen und sich köstlich amüsierten. Mit dem Beginn der Schulzeit war es mit Gerdis Pfiffigkeit schlagartig vorbei. Er konnte nichts, er wusste nichts und er wurde nicht größer. Nur dicker. Und zu allem Überfluss fing er auch noch an zu stottern. Meine Tante blieb dabei ganz cool und gab ihm jedes Mal den Tipp: „Gerdi, sing es uns einfach vor.“ Es klappte immer. Gerdi war genau vier Wochen kaum älter als die Autorin. Er blieb klein und dick. Zu allem Überfluss rief ein anderes kleines Mädchen, welches zufällig mit seiner Mutter in dem kleinen Lebensmittelgeschäft war, in das die Mutter Gerdi und Rita zum Einkaufen mitgenommen hatte: „ Mutti, guck mal. Der Junge ist ja viel kleiner als das Mädchen.“ Das hat Gerdi tief getroffen. Und wie ging es mit Gerdi weiter? Nun ja, er heiratete und zeugte zwei Mädchen und arbeitete im Familienbetrieb. Seine bevorzugten Tätigkeiten waren Kartoffelschälen und Rauchen. Das Aussehen seiner Frau konnte eigentlich niemand so richtig beschreiben. Sie schaute meistens nach unten und verbarg ihr Gesicht vorwiegend hinter einem Schleier von langen Haaren. Es war keine Identifizierung möglich.

Diese und viele weitere Beschreibungen gefielen dem Publikum, besonders den Ortskundigen. Und so endet die Geschichte in der Neuzeit, was Rita Weber so kommentiert: „Obwohl ich schon ziemlich früh mein Elternhaus verlassen und anschließend an verschiedenen anderen Orten gelebt habe, bleibe ich dennoch ein Dorfkind. Schade, dass man schöne Dinge fast nie konservieren kann.“

Udo Fröhlich aus Hiddenhausen hat den dritten Teil der Lesung „Drauf geschissen“ geschrieben und vorgetragen. Der Name Udo Fröhlich ist übrigens ein Synonym. Aus seinem humorvollen Buch liest er drei Passagen. Dieses Buch ist mittlerweile in der Spiegel-Bestsellerliste zu finden.

Es war einfach zu köstlich, was der Held des Buches Claas Wolkenschläger, der in einer Spedition arbeitet, alles so erlebt, skurrile Situationen heraufbeschwört und manchmal auch ein bisschen sehr derb gipfelnd. Besonders lustig die Geschichte um die Konfirmation der Nichte Denise  des Claas W.. Virtuos pointiert hat der Autor diese unglaublichen und oft peinlichen Erlebnisse niedergeschrieben und vorgetragen. Dem Publikum gefiel es und es konnte sich kaum vor Lachen auf den Sitzen halten.

 In der ersten Geschichte geht es um „Spacko“. Nachdem das Mikro der Gegensprechanlage nur unvollständige Piepstöne von sich gibt, wird der Protagonist Claas endlich seine Bestellung am defekten McDrive-Schalter los und peinlicherweise von einer Servicekraft bedient, die er mal erfolglos angebaggert hatte. Auch heute ist sie wieder abweisend. Zudem würgt er beim Anfahren peinlicherweise seinen Jeep ab und beleidigt zu allem Übefluss auch noch den hinter ihm hupenden Muskelberg, sodass dieser 2-Meter-Mann aussteigt und ihn zu Rede stellen möchte. Vor lauter Schreck türmt Claas mit Vollgas und schleudert dabei den Muskelmann gegen den Ausgabeschalter. Das bleibt nicht ohne Folgen….

Deshalb folgt nun die Geschichte „Ehrenrunden“, quasi eine Fortsetzung von „Spacko“. Der beleidigte Muskelprotz verfolgt Claas mit seinem Jeep bis in einen Kreisel hinein, in dem nun beide mit waghalsiger Geschwindigkeit mehrere Verfolgungsrunden absolvieren, wortwörtlich bis zum Erbrechen. Irgendwann wird nämlich dem Verfolger schlecht, er fährt aus dem Kreisel endlich heraus und muss sich in seine Junior-Tüte übergeben.

In der dritten Geschichte mit dem Titel „Schänke“ geht es um die Konfirmation der Nichte Denise. Claas muss anlässlich der Konfirmationsfeier seiner Nichte Denise mit seinen Eltern in die Kirche. Er beschreibt wunderbar die Kleidung und das für den Anlass mehr oder weniger passende, herausgeputzte Erscheinungsbild der Gäste. In der Kirche kann er seinen gewaltigen Durst kaum verbergen und entschließt sich angesichts des gefüllten Abendmahlkelches, am Abendmahl teilzunehmen. Er giert dem Messkelch entgegen und sieht sich gezwungen, den Kelch vollends auszutrinken. Nach dem Kirchenbesuch geht es mit der Verwandtschaft in die Gaststätte „Schänke“. Dort sorgt unter anderem Claas‘ sehr übergewichtiger Onkel für reichlich Gesprächsstoff. Der Rest der Verwandtschaft geht aber auch kräftig und mit herber Wortwahl lästernd und beleidigend aufeinander los. Zuletzt ist auch noch die Konfirmandin Denise beleidigt und die Gesellschaft löst sich streitend auf.

Udo Fröhlich hat es geschafft, niemanden unberührt zu lassen. Seine derart lustige humorvolle pointierte Vortragsweise hat alle Gäste mitgerissen.

 

Schade, dass die Lesung schon zu Ende ist, werden viele Kulturfreunde gedacht haben. Die Autoren standen den applausfreudigen und gutgelaunten Besuchern noch für Fragen und Gesprächen an diesem Abend längere Zeit zur Verfügung.

 

Lydia Pudel und ihre Gemälde bildeten den wunderschönen Rahmen für diese Vorträge. Sie hatte an diesem Abend ihre Vernissage für ihre Bilderreihe „Flow“. Lydia Pudel zeigt in dieser Serie Bilder mit einer besonderen Fließtechnik mittels verdünnter Acrylfarben. Lydia Pudel ist studierte Grafikdesignerin und hat ihr Domizil in Hiddenhausen. Ihre Kenntnisse und Erfahrungen als Yoga-Lehrerin hat sie in diese Bilder einfließen lassen. So stammen die Titel der zur Meditation anregenden Bilder auch von bestimmten Yogatechniken.

 

Außerdem konnten Gemälde von Doris Dümpe, Liane Przybilla und Gastgeberin Claudia Bach bewundert werden. Alle Künstlerinnen sind Mitglieder im Künstlerforum Herford und wurden auch einzeln in der Begrüßungsansprache von Hans Joachim Schrauwen vorgestellt.

 

Die Ausstellung in der Galerie „Claudia & Friends“, Kampstraße 15 in Herford-Elverdissen ist bis auf Weiteres noch zu sehen, voraussichtlich bis Ende November. Die Galerie ist täglich geöffnet.

 

 

 

Liane Przybilla / Künstlerforum Herford e.V.